28. November 2016

Freimaurer heute

Erstellt von der Unabhängigen Freimaurerloge Wien
(Mai 1982)

Freimaurerei ist nicht erschöpfend zu definieren, ihr Grundkonsens muss zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten aktuell und gesellschafts­bezogen interpretiert und gelebt werden: man kann als Grundkonsens der Freimaurerei das Streben nach Mündigkeit des Menschen und nach Toleranz bezeichnen.
Freimaurerei wird nicht ausgeübt bloß durch Betrachtung der Vergangenheit, sie erschöpft sich auch nicht im Ritual und ist unvereinbar mit dem Rückzug in den elfenbeinernen Turm: sie ist ununterbrochenes Suchen nach neuen Aufgaben und untrennbar verbunden mit dem Versuch, Antworten zu finden: denn nur, was sich bewegt, ist lebendig.
Die ganze Breite der Interpretationsmöglichkeiten des Grundkonsenses schließt die einzelnen, sehr differenzierten Glieder der freimaurerischen Kette zusammen. Freimaurerische Arbeit wird in den Logen geleistet, die als Kleingruppen und Gesprächsgemeinschaften sich mit den Problemen der Zeit auseinandersetzen. Die Logen sind im Rahmen des Grundkonsenses autonom. In der Regel kann nur der Einzelne oder die kreative Kleingruppe nach außen hin im freimaurerischen Sinn wirken. Die Loge gibt als Ort vorbehaltloser geistiger Auseinandersetzung und emotionaler Aufrichtigkeit die Möglichkeit für theoretische und praktische Erprobung der Ideen und unterstützt den Einzelnen bei seiner Arbeit.
Konstruktive Kritik und Selbstkritik sind die Grundlagen für jede freimaurerische Arbeit, sie umfassen alle Bereiche unserer erkennbaren Innen­- und Außenwelt, auch den einzelnen Freimaurer selbst. Nur so können wir uns von inneren und äußeren Zwängen befreien. In die Loge sollen jedenfalls nur Menschen aufgenommen werden, die fähig und bereit sind, am Gespräch teilzunehmen, eigenes Denken und Handeln in Frage zu stellen und Vorurteile als solche zu erkennen und zu überwinden.
Das Leben in den Logen wird von ihren Mitgliedern bestimmt. Es gibt nur die Delegation von unten nach oben und daher eine Verantwortung von oben nach unten. Die Grundsätze der Freimaurerei sollten kein einengender Rahmen, sondern eine tragfähige Basis für alle möglichen Entwicklungen sein. Verantwortung gibt es nur gegenüber Menschen und nicht gegenüber Instanzen.
Erkenne dich selbst! ­ Beherrsche dich selbst! ­ Veredle dich selbst!
Freimaurerei muss immer zuerst Arbeit an sich selbst sein, und zwar mit dem Ziel zu ergründen:
„Was muss man sein, um ein Mensch zu sein?”